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Viel Luft wurde zwischenzeitlich in den Bälgen der unzähligen Orchesterspieler weltweit bewegt. Selbst Dr. Ernst Hohner hat sich sicherlich trotz seines Weitblicks in Sachen Akkordeonkultur in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt, welche Weichenstellung er vollzog, als er 1922 dem damals 29jährigen Hermann Schittenhelm eine Stellung als Instrumentenmacher in der Matth. Hohner AG angeboten hat. Fünf Jahre später gründete Schittenhelm auf Initiative von Dr. Ernst Hohner das 1.Trossinger Handharmonika-Orchester, welches in der Bevölkerung schon bald den Beinamen Schittenhelm-Orchester erhielt. Die Spieler rekrutierten sich samt und sonders aus den Hohner-Werken. Somit war es auch möglich, die Aktiven von der Arbeit freizustellen, wenn beispielsweise Konzertreisen anstanden. Schon bald begann dieses Orchester dann auch im In- und Ausland mit mehr oder weniger großen Tourneen, um die Hohner-Instrumentenpalette und deren musikalische Möglichkeiten im Zusammenspiel bekannt zu machen. Die Begeisterung, die diese Konzerte von Schittenhelms Harmonikanern beim Publikum hinterließ, führte dann auch bereits zu ersten Gründungen von Akkordeonorchestern.
Schittenhelm entwickelte sein musikalisches Können zwischen 1929 und 1934 bei keinem geringeren als Prof. Hugo Herrmann aus Reutlingen weiter und hat mit seinem Orchester bereits vor dem Krieg durch Engagements in nahezu allen Radiosendern eine immense Popularität erreicht. Die erste Schallplatte bespielte das Schittenhelm-Orchester bereits 1932 bei der Schallplattenfirma Gloria, unzählige folgten bis in die heutige Zeit. In den Wirren des zweiten Weltkrieges, in den auch viele Spieler des Orchesters einrücken mussten, kam die Konzerttätigkeit des Orchesters für einige Jahre vollständig zum Erliegen. Gemäß einem alten
Orchesterleitspruch ("Die Musik ist das wirksamste Mittel, in einer Gemeinschaft aufzugehen, ohne sich in ihr zu verlieren") trafen sich dann im August des Jahres 1945 die bis dahin zurückgekehrten Spieler in der
Städtischen Musikschule Trossingen, dem heutigen Hohner-Konservatorium, um die Möglichkeiten für eine
Wiederaufnahme der Konzerttätigkeit zu besprechen. Zu der anfänglich noch recht kleinen Gruppe, einige frühere Spieler waren noch in Gefangenschaft, stießen schon bald neue "Diatoniker" und "Chromatiker" hinzu.
Zurück zum Jahr 1946: trotz aller Widrigkeiten absolvierten die Musiker bereits 31 Konzerte, die räumlich
allerdings auf die französische Besatzungszone beschränkt bleiben mussten. Erst im Jahr 1948 durfte das
erste Mal die Zonengrenze überschritten werden. Schon damals war es üblich, dass die Musiker des Orchesters tagsüber ihren "normalen" Tätigkeiten nachgingen,
die vom Schreiner über Mechaniker und Stimmer bis zum Dozenten an der Städtischen Musikschule reichten. Bis zum heutigen Tag ist das Hohner-Akkordeonorchester ein reines Laienorchester, wenngleich in der Presse hier oftmals fälschlicherweise etwas anderes behauptet wird. Auch die zumeist am Jahresanfang abgehaltenen Kameradschaftsabende sind als legendäre Veranstaltungen in die Vereinsgeschichte eingegangen. Diese Tradition hält das Orchester bis in die heutigen Tage aufrecht, indem in der Regel Ende Januar eine sogenannte "Winterwanderung"' zumeist unter Führung des Dirigenten stattfindet. Diese Wanderungen sind fast immer mit unerwarteten Widrigkeiten gespickt, sei es nun dadurch, dass ein Sturm namens Lothar die geplanten Wege zu von Rotwild bewohnten Klettersteigen umgewandelt hatte oder dass durch Fehleinschätzungen seitens der Wanderführung morastig-sumpfige Querfeldein-Märsche mit üblen Folgen für das Schuhwerk und das Seingehäuse der Musiker in Kauf genommen werden mussten. Das alles entschädigt dann aber die gemeinsame Stärkung im Gasthaus, die zumeist so intensiv ausfallen, dass mancher eher wieder geschwächten Beines das Lokal verläßt. Hier findet immer noch der alte Spruch Anwendung: "Wer schaffen will, muss fröhlich sein." Eine andere Besonderheit ist ebenfalls seit frühester Zeit bis heute erhalten geblieben: Anlass zur
Geselligkeit gaben und geben vor allem auch die Konzertfahrten selber sowie das Beisammensein mit befreundeten
Akkordeonorchestern bei Gemeinschaftsveranstaltungen. Keine noch so witzige TV-Sendung kann die Heiterkeit erzeugen, die im Bus nach einem gelungenen Konzert zumeist spontan aufkommt, wobei hier nicht etwa der Alkohol die Triebfeder ist. Angesichts der Tatsache, dass im Gegensatz zu früheren Zeiten die wenigsten Spieler in Trossingen wohnen (im Jubiläumssjahr 2002 sind dies gerade mal acht von 24, wenn man die Randbezirke noch mit dazu rechnet), haben die meisten Spieler nach der Omnibusfahrt noch Strecken im PKW bis zu 150 km vor sich, die an Alkoholgenuß nicht denken lassen.
Dieser Sachverhalt war früher wohl etwas anders gelagert, es war üblich, auf den Vereinsreisen an manchen Gaststuben Rast zu machen. Wenn man dann noch weiß, dass beispielsweise zu einem normalen
Frühschoppenkonzert die Spieler nicht nur verköstigt wurden, sondern jeder auch noch einen "Gutschein
über drei Maß Bier" erhielt... Mit der Generalversammlung am 24. November 1950 beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte des
Orchesters: es wurde mit der Wahl einer Vorstandschaft und eines Ausschusses die Vereinstätigkeit
wieder aufgenommen. Aber erst am 22. Januar 1998 führte dies zu einem eingetragenen, als gemeinnützig
anerkannten Verein, als im Trossinger Gasthaus Germania um 20 Uhr die Vereinsgründungsversammlung
stattfand. Das folgende Vereinsführungsteam ging aus den Wahlen hervor:
Der ideelle Vereinsgründer Dr. Ernst Hohner wurde anlässlich seines 65.
Geburtstages am 28. Juni 1951 zum Ehrenvorsitzenden gewählt. In diesem Ehrenamt folgte ihm 1998 der langjährige 1. Vorsitzende
Gerd Nester. Dazwischen genossen die Herren Dr. Karl Hohner und Dr. Karl Scherer den Titel des
Ehrenvorsitzenden. Die Vorsitzenden waren in der Vereinschronik die Herren W. Mauthe, A. F. Allgaier, F. Auwärter, A. Offterdinger, G. Nester und derzeit amtierend M. Keller.
Trotzdem sind wirklich langjährige Spieler im Orchester seltener anzutreffen wie in anderen Akkordeonvereinen. Nur ein Spieler bringt es derzeit auf rund 50 Jahre Mitgliedschaft. Dann folgt nach einer großen Lücke eine 30jährige Mitgliedschaft und 15-20jähige Tätigkeiten im Verein. Dies liegt daran, dass sich die Spielerschaft heute aus engagierten Akkordeonisten der näheren und weiteren Umgebung, sowie vereinzelt auch aus Studenten des Konservatoriums zusammensetzt. Hier sind berufs- und ausbildungsbedingte Abbrüche der Zugehörigkeit am Orchester vorbestimmt. 1962 wurde die Teilnahme an einem Welttreffen des Lions-Clubs in Nizza zu einem einmaligen Erlebnis. Bei einem Original-Blumenkorso waren Orchester aus der ganzen Weit eingeladen. Die Trossinger befürchteten, dass sie neben den US-Highschool-Bands und sonstigen großen Blasorchestern untergehen würden. Dies war jedoch ein großer Irrtum. Das Publikum an der 5 km langen Promenade d'anglais ließ dem Orchester keinerlei Pausen und es konnte BeifalIsstürme entgegennehmen. Die Ära Schittenhelm, in der die Spieler weit über 2000 Konzerte absolvierten und die Trossinger Tracht in aller Welt bekannt machten, ging erst im ]ahr 1968 zu Ende, als der Altmeister nach über 40 Jahren Dirigententätigkeit im Alter von 75 Jahren den Taktstock aus Altersgründen niederlegte. Zwei Jahre zuvor wurden er und sein Lebenswerk, das Hohner-Orchester, in zwei Fernsehsendungen des ZDF noch einmal würdig der breiten Öffentlichkeit präsentiert. Rudolf Würthner war es, der die Führung des Orchesters übernahm, nachdem "sein eigenes" Orchester, das Orchester des Hauses Hohner, im Jahr 1963 aufgelöst wurde. Für ihn schloss sich damit in gewisser Weise der Kreis, denn Schittenhelm war sein erster Lehrer und im Hohner-Orchester hatte er seinen musikalischen Lebensweg begonnen. Trotz ständiger Besetzungsschwierigkeiten führte Würthner das Orchester zu einem neuen Höchststand und leitete es bis wenige Wochen vor seinem Tod am 3. Dezember 1974. Noch heute denken die damaligen Spieler ehrfurchtsvoll an die eindrucksvolle Probearbeit zurück, die ihr "Ruedl" dem Orchester angedeihen ließ. In dieser Zeit gab es neben unzähligen, erfolgreichen Konzerten auch wieder zwei besondere Highlights: die Mitwirkung an der Fernsehlotterie "Ein Platz an der Sonne" im Jahr 1970 in Hamburg und einmal mehr die Gestaltung eines "Sonntagskonzerts" im ZDF im Jahr 1972. Der ebenfalls bekannte Akkordeonsolist, Arrangeur und Komponist Hans Rauch sprang spontan in die Bresche und übernahm zwei Jahre lang die Leitung des Hohner-Orchesters, bis dann der Iangjährige Konzertmeister im Hohner-Orchester und auch im Orchester des Hauses Hohner, Karl Perenthaler, zum Orchesterchef ernannt wurde. Bis zum Ende des Jahres 1991 führte auch er die Trossinger Musiker von Erfolg zu Erfolg. Sein Abschied erfolgte an der Hohner-Weihnachtsfeier des Jahres 1991 im Dr. Ernst-Hohner-Konzerthaus, als er ein letztes Mal den geladenen Gästen den von ihm einstudierten Facettenreichtum des Hohner-Akkordeonorchesters nahe brachte. Mit Johannes Baumann als Nachfolger erlebte das Orchester gleichzeitig einen Generationswechsel. Nicht immer war aber alles so erfreulich. Dass beispielsweise in Mainz sämtliche Instrumente einschließlich Verstärker, Pauken und Schlagzeug kilometerweit durch die Innenstadt getragen werden mussten, weil der Busfahrer sekundengenau auf seine Lenkzeiten bestand, war kein lustiges Erlebnis, es führte vielmehr zu langen Armen und verspannten Rücken. Auch der von kräftiger Rauchentwicklung begleitete Komplettausfall des Stroms aufgrund fehlerhafter Installation mitten in einem Konzert in Italien lässt manchen Spieler und vermutlich auch den Dirigenten noch im Nachhinein erschauern. Dazu kommen die üblichen Transportprobleme, deren Palette von leichteren Verformungen der Omnibusaußenhaut über defekte Lichtmaschinen bis zu nicht einstellbaren Klimaanlagen reichen. Als Fazit dieser Ausführungen bleibt festzuhalten: das Hohner-Akkordeonorchester 1927 Trossingen e.V. ist ein zeitgemäßer Verein, der mitten im Leben steht, sich aber seiner Verantwortung als Traditionsorchester bewußt ist: der Pflege der anspruchsvollen Akkordeonmusik. Die Spieler und die Vorstandschaft werden alles daransetzen, auch beim Eintritt in die dreistelligen Geburtstagszahlen einen soliden und musikalisch brillanten Verein feiern zu können. ** Dieser Text entstammt der
Jubiläums-Festschrift zu unserem Konzert am 27. April 2002 |
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